Albe

Albe
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Sie fällt nicht auf. Still folgt sie ihrem Herrn, still führt sie auf was er ihr aufträgt, still sitzt sie abends in der Runde. Sie ist die Sklavin des Hetmanns Hallbjörn Beglirson, und sie weiß, wo ihr Platz ist – besser vielleicht, als man es sie bei den Nordleuten je gelehrt hätte.
Schon früh verlor die, die alle Albe nennen, ihre Freiheit. Fern ihrer Heimat versklavte man sie zusammen mit unzähligen anderen, und es kamen Tag für Tag neue hinzu. Entsprechend war der Wert, den man ihnen beimaß, und entsprechend war der Umgang mit ihnen.
Dort wuchs sie auf, und lernte. Lernte zu gehorchen, zu ertragen und zu schweigen. Lernte langsam, keine Freunde zu finden, die nur allzu schnell starben. Lernte, dass es besser war, die verlorenen guten Zeiten zu vergessen um die immerwährende dunkle Zeit zu überstehen.
Und doch lernte sie auch, Musik zu lieben als einzigen Lichtblick, und dieses Licht mit den anderen Sklaven zu teilen. Aus aller Herren Länder lernte sie Lieder in dieser Zeit.

Immer wieder wenn ihre Herren in den Kampf zogen nahmen sie einige von ihnen mit, um ihnen als lebende Schilde zu dienen – grausam, sicherlich, und doch begrüßten es viele als einzigen Ausweg. Auch Albe, nun vielleicht siebzehn oder achtzehn Winter alt, fand sich schließlich als eine von jenen wieder, die auf diese Weise in den sicheren Tod gehen sollten.

Doch sie hatte Glück, mehr als sie sich jemals hätte träumen lassen, denn im gegnerischen Schildwall stand der Rote Stier. Die Nordleute sahen keinen Sinn darin, die unfreiwillig kämpfenden Sklaven zu töten und zogen es vor, Gefangene zu machen. Thorstein Elifson war es schließlich, der sie verletzt aus der Schlacht zog und ins Lager brachte.

Dort blieb sie. Statt ihr Leben zu verlieren hatte sie die Herren gewechselt, und auch wenn sie Sklavin war und blieb sollte es ihr Schaden nicht sein. Die Nordleute, deren Art sie sehr an die Menschen aus ihrer alten Heimat erinnerte, gehen gut mit ihren Sklaven um. Anfangs verschreckt und scheu, lernte sie sehr langsam etwas Selbstvertrauen, lernte zu leben und lachen, und begann die Mannen und Frauen des Roten Stieres zu schätzen.

Schon bald war sie Hjassir Fjoreson geschenkt worden, der zu dieser Zeit Hetmann des Roten Stieres war. Trotz seines mancherorts eher zweifelhaften Rufs fand sie in ihm einen gerechten, großzügigen, oftmals gar fürsorglichen Herrn. Sie dankte es ihm durch Gehorsam, und mit der Zeit auch durch ihr Vertrauen und nahezu bedingungslose Loyalität. Hjassir selbst gab ihr schließlich einen Stieranhänger als Zeichen seines Vertrauens, obwohl sie als Sklavin natürlich keinen Eid auf ihn geschworen hatte, und sie trug ihn mit Stolz. Zu dieser Zeit war sie so glücklich, wie sie es jemals hätte sein können.

Zwei Sommer und fast zwei Winter war sie beim Roten Stier gewesen, bevor Hjassir auf dem Winterthing im Holmgang fiel und ihre neugefundene heile Welt zusammenbrach. Sie wäre ihm wohl gefolgt, hätte er nicht selbst eine solche Handlung abgelehnt und sie stattdessen für den Fall seines Todes an seinen Húskarl Hallbjörn weitergegeben.

Bei ihm ist sie nun, und versucht mit dem Verlust umzugehen, den sie nicht einfach verdrängen kann wie die vielen in der Zeit bei ihren einstigen Herren. Hallbjörn zeigte sich ihr in der folgenden Zeit als guter Herr, und gestand ihr auch für besondere Verdienste das Recht zu, Geld zu verdienen, um sich irgendwann die Freiheit erkaufen zu können. Doch auch wenn diese Zeit einmal gekommen ist, weiß sie, dass sie beim Roten Stier bleiben wird – denn wenn auch keine Freiheit, so hat sie hier doch eine Heimat gefunden.