Hagard Halbartson

„Ich bin Hagard, Halbards Sohn, ich stamme von Seeland. Ich bin weitgereist und weltenkundig. Die Runen ritz ich, die Stäbe werf ich, weiß vieles und noch mehr. Spá und Seidr, Wissen und Weisheit, Worte als Waffen – damit diene ich meinem Fürsten.“

 Vor 28 Wintern wurde ich auf der dänischen Insel Seeland geboren, in den späten Jahren der Herrschaft König Gorms des Alten.

Hagard1 Mein Vater Halbard war ein angesehener Waffenschmied und sicherte der Familie damit ein gutes Einkommen. Es ist eine große Kunst, aus Eisen, Stahl und Feuer eine Klinge zu schmieden, die ein scharfe Schneide besitzt und dennoch biegsam ist, ohne zu brechen oder dauerhaft die Form zu verlieren. Nur wenige besitzen das geheime Wissen, welche Mittel dafür notwendig sind, und welche Worte zu welchem Zeitpunkt in das Feuer geraunt werden müssen, damit das Werk gelingt. Nur wenig davon konnte Halbard an mich weitergeben, denn in meinem elften Lebensjahr wurden meine Eltern von einer Seuche dahingerafft, die unter den wintergeschwächten Dorfbewohnern reiche Ernte hielt. Danach wurde ich von meiner Muhme Hild, der Schwester meiner Mutter, aufgenommen. Seit ihr Mann von einer Wikingerfahrt nach Eyre nicht heimgekehrt war, bewirtschaftete sie ihren einsamen Hof alleine, nur mit der Hilfe einer alten Magd und gelegentlich angedungener Tagelöhner. Obwohl meine Anwesenheit einen zusätzlichen Mund zum Stopfen bedeutete, bedeutete sie dennoch auch eine weitere Hand, die helfend mit anpacken konnte.

Fünf Jahre verbrachte ich bei Hild und ihrer Magd Thorun. Obwohl der Hof recht abgelegen war, fand sich nicht selten Besuch ein. Denn Thorun kannte sich gut mit Kräutern aus, und wusste damit so manche Gebrechen zu heilen und Leiden zu lindern. Hild hingegen wusste Träume zu deuten und die Runenstäbe zu werfen, und wurde daher in vielen Angelegenheiten gerne um Rat gefragt.
Als Hild jedoch eine neue Ehe mit einem Händler einging, der in Franken gute Geschäfte gemacht hatte und sich nun auf Seeland zur Ruhe setzte, begann ich mich dort zunehmend unwillkommen zu fühlen.

Ich verließ die Heimat und ging auf Wanderschaft, die mich an weit entfernte Orte führen sollte. Viele Jahre zog ich ruhelos durch die Welt. In dieser Zeit sah ich zahlreiche Inseln, einsame Landstriche und blühende Städte, die an die nördlichen Meere angrenzen. Ich sah die Küsten vom eisigen Finnland über Norwegen nach Dänemark, die wilden Länder der Wenden und Slawen und den Lagodasee, wo die weiten Lande der Rus beginnen. Ich reiste nach Eyre, der grünen Insel, und nach Angaland, besuchte Island im hohen Norden, die Insel aus Feuer und Eis, sah Frankia und Hispania im Süden.
Aus gefährlichen Kämpfen hielt ich mich stets nach Möglichkeit heraus - es ist nicht meine Bestimmung, den Weg nach Walhall zu finden. Ich bin kein Krieger, die Nornen haben mir einen anderen Faden gewoben. Mich treibt das Verlangen nach Erkenntnis, ich will lernen und erforschen, Verborgenes aufdecken und alte Geheimnisse aufspüren.
Insbesondere auf Island hielt ich mehrere Jahre auf, dort lernte ich vieles – und nicht nur die alten Sagas und Lieder.

Wo mir Gastrecht gewährt wurde, dort verweilte ich gerne – da man das Gastrecht aber nicht überbeanspruchen soll, blieb ich selten lange an einem Ort.
Hier und da verdingte ich mich jedoch auch als Knecht oder leistete kleinere Dienste und einfache Arbeiten, um an das Nötigste zu kommen – oder auch, um im Austausch etwas zu erfahren, das ich erlernen wollte.
Von Geld halte ich nicht viel – denn wer wenig hat, der hat auch weniger Feinde, die es ihm nehmen wollen.

Nach zwölf Jahren kehrte ich schließlich nach Seeland zurück. Viel hatte sich in der Heimat seitdem verändert.
Gorm der Alte war verstorben, sein Sohn Harald Blauzahn herrschte seitdem über Dänemark. Nach einer Niederlage gegen den Kaiser des Deutschen Reiches hatte Harald den Kreuzglauben annehmen müssen. Obwohl anfangs unwillig, konnte er diesem neuen Glauben allmählich immer mehr abgewinnen. Nachdem er seinen Wunsch verkündet hatte, dass seine Hûskarle und Jarle und deren Gefolgsleute es ihm gleich tun sollten, hatte sich der neue Glaube in überraschender Geschwindigkeit über ganz Dänemark verbreitet.

Der Jarl von Seeland hatte in dieser Sache lange gezögert, doch sein Weib Ingrun war den Einflüsterungen eines Priesters namens Ansgar erlegen und lag ihrem Mann seitdem damit in den Ohren, dass er seinen falschen Götzen abschwören und Erlösung in ihrem Gott finden solle. Weniger aus Überzeugung, als vielmehr weil er ihr Gekeife leid war, ließ er sich schließlich umstimmen.
Demnach hatten auch seine Gefolgsleute und Hörigen ihrem Jarl zu folgen…
Der Priester Ansgar und seine Anhänger zogen daraufhin über die Insel und predigten den Seeländern. Sie rissen die Standbilder der alten Götter nieder und fällten ihre heiligen Haine, um dem Volk seinen Irrglauben vor Augen zu führen.

Das erboste mich, und machte mich traurig. Wer sich gegen die alten Götter wendet, wendet sich gegen unsere Wurzeln. Die Götter schenken Leben und Fruchtbarkeit, sie sind der Quell von Weisheit, Wissen und Macht. Als Ansgar mich beim Opfern in einem Hain störte und seine Axt an eine dem Gott Odin geweihte Eiche legte, stach ich ihn nieder, ohne nachzudenken…  unglücklicherweise geschah diese Bluttat vor den Augen einer aufmerksam beobachtenden Menschenansammlung. Es dauerte nicht lange, da wusste Ingrun von dem Totschlag an ihrem Priester, und sie kochte vor Wut.

Ich wurde gejagt, und nur knapp gelang es mir zu entkommen. Der Schiffsherr einer Knorr, der sich gleich mir den alten Göttern verbunden fühlte und deswegen eine gewisse Sympathie für mich und mein Handeln verspürte, versteckte mich auf seinem Schiff und brachte mich von der Insel.
Von meinem ohnehin spärlichen Hab und Gut konnte ich nur das retten, was ich gerade am Leib trug… und in ein Stück blutverkrustetes Leinen verpackt, den abgetrennten Kopf des erschlagenen Priesters. Zu gegebener Zeit würde ich mich darum kümmern, ihn vor weiterer Verwesung zu bewahren. Zu Lebzeiten hatte mir Ansgar zwar Ärgernis bereitet, doch dafür würde er mich nach seinem Tod entschädigen…

Auf der Insel Fjoreholm verließ ich den Knorr des hilfsbereiten Händlers, um hier den Winter zu verbringen. Ich wanderte von Hof zu Hof, arbeitete hier und da ein wenig, um mir meine verlorene Ausrüstung allmählich zu ersetzen.
Als der Frühling kam, warf ich die Runen, um herauszufinden, welchen weiteren Weg ich einschlagen sollte. Dabei zeigte es sich, das Naudiz (das Schicksal), Uruz (der Stier), und Jero (der Jahreslauf) besonders hervorstachen. Die Zeichen deuteten daraufhin, dass ich mein Schicksal für ein Jahr mit dem des Röde Thjur verbinden sollte.

So suchte ich, begleitet von Ansgars Raunen und Wispern, im Frühling die Fenriswacht und den Hornberg-Thing auf, wo Hallbjorn zum neuen Hetmann des Röde Thjur bestimmt wurde. Es gelang mir in kleinem Kreis mit ihm ins Gespräch zu kommen, und sein Interesse zu wecken. Seine Leibwache Arsol achtete aufmerksam darauf, ob ich eine Waffe gegen Hallbjorn richten würde – ließ mich jedoch arglos frei vor ihrem Fürsten mit den Runen hantieren.So fiel es mir leicht, ihn davon zu überzeugen, dass ich ihm von Nutzen sein könnte, und obwohl er mich überhaupt noch nicht kannte, forderte er sogleich einen Eid von mir, dem ich ihm auch gerne leistete – allerdings nur für die Dauer eines Jahres, bis zur nächsten Fenriswacht. Doch alles hat seinen Preis, und so sollte auch Hallbjorn meine Dienste nicht ohne Gegenleistung erhalten. Ich würde nach Ablauf des Jahres einen Wunsch äußern, den er mir gewähren sollte, wenn dies in seiner Macht stünde.

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Hallbjorn erklärte sich einverstanden, schränkte jedoch ein, ich dürfte mir weder das Schwert Malmung noch seine Männer wünschen, und wenn er mit meinen Diensten nicht ausreichend zufrieden sei, sollte ich nur einen angemessenen Teil dessen erhalten, was ich mir von ihm wünschte.

Jetzt habe ich mein Los zu tragen, und muss mich ein Jahr lang mit seiner Gefolgschaft aus ungebildeten Trampeln und verstandlosen Schlägern herumplagen… doch ein Kleinod ist unter Hallbjorns Anhängern verborgen, das mein Interesse weckt. Onni, ein finnischer Zauberer, wird von den meisten anscheinend für harmlos gehalten. Die Ahnungslosen wissen nicht, wie gefährlich die Finnen sein können! Aber für mich ist das eine große Gelegenheit, sicher kann ich viel von ihm lernen. Möglicherweise ist er der Grund, dass mich das Schicksal hierher geführt hat. Mal schauen, welche Geheimnisse ich ihm entlocken kann. Und sollten meine Bemühungen mit Onni im Laufe des kommenden Jahres nicht von Erfolg gekrönt sein, habe ich ja immer noch die Möglichkeit, mir seinen Kopf als Belohnung von Hallbjorn einzufordern…